Unfall- wird immer mehr zur Krankenpolice

Schon seit längerer Zeit gibt es Kombiprodukte am Markt für Unfallversicherungen, die auf eine Erweiterung des Unfallbegriffs setzen. Dies geht laut Marktexperten schon so weit, dass zum Teil von einem Mix aus Kranken- und Unfallprodukten gesprochen werden kann – dies ist nicht frei von Risiken.
Um die Marktdurchdringung von Unfallpolicen zu steigern, die grundsätzlich hohe Margen versprechen, hat die Assekuranz vielfältige Veränderungen an ihren Produkten vorgenommen – für die Kunden hat das aber nicht nur Vorteile.

Steigende Unübersichtlichkeit
“Erweiterungen des Produktangebots sind bei über 100 Unfallversicherern ein natürlicher und wettbewerbsorientierter Prozess, der sich keineswegs negativ auf die Produkte auswirkt. Für den Kunden haben sich Verbesserungen sowohl beim Leistungsumfang wie auch bei den Leistungsauslösern ergeben”, erklärt Ellen Ludwig, Geschäftsführerin des Analysehauses Ascore.
Dass Tarife nicht einheitlich entwickelt wurden, liege allerdings auch auf der Hand und je vielfältiger die Tarifangebote seien, umso unübersichtlicher werde es für den Kunden.

Erweiterung des Unfallbegriffs
Verschiedene Markttrends wurden von den Versicherern aufgegriffen. Bei der Debeka zählt dazu die Erweiterung des Unfallbegriffs, die Einführung von Sofortleistungen bei schweren Verletzungsbildern, aber auch bei einfachen Knochenbrüchen.
“Auch das Thema der ambulanten Operationen und Behandlungsfehler wurden von uns aufgegriffen”, so Debeka-Pressesprecher Dr. Gerd Benner.
Der klassische Unfallbegriff aus dem Versicherungsvertragsgesetz (VVG), wonach ein Unfall vorliegt, wenn der Versicherte durch ein plötzlich von außen auf seinen Körper wirkendes Ereignis unfreiwillig eine Gesundheitsschädigung erleidet, wurde auch von anderen Versicherern erweitert. Sie definieren damit selbst, was ein Unfall ist und schließen auch Schäden in ihre Leistungen ein, die sich eigentlich nicht unter den Unfallbegriff des VVGs subsumieren lassen. Dadurch können auch Grauzonen erfasst werden, in der die Zuordnung als Unfall nicht eindeutig ist.

“Unfall als Folge eines körperlichen Zustands”
“Wenn die Unfallursache beispielsweise ein Schlaganfall oder ein epileptischer Anfall ist, ist der Unfall die Folge eines körperlichen Zustands, der nicht von außen auf den Körper einwirkt”, erläutert Ludwig.
“Bei Erfrierungen, Einwirkung von Gasen und Dämpfen, Nahrungsmittelvergiftung, Strahlen oder unfreiwilligem Nahrungs- oder Sauerstoffentzug fehlt wiederum das Attribut ‚plötzlich‘. Ebenso sind Infektionskrankheiten infolge geringfügiger Verletzungen, Insektenstiche durch Zecken, Wundstarrkrampf und Tollwut sowie Impfschäden keine plötzlichen Ereignisse. Impfschäden sind zudem Folge einer meist freiwilligen Impfung. Diese Risiken müssen daher gesondert in den Bedingungen geregelt sein.”
Schon seit längerer Zeit sind sogenannte Kombiprodukte am Markt, die eine Erweiterung des Unfallbegriffs mit zusätzlichen Versicherungsbausteinen kombinieren. Eine Entwicklung, die noch nicht abgeschlossen ist – und nicht frei von Risiken.

“Entwicklung ist kaum aufzuhalten”
“Die Erweiterung des Unfallbegriffs spielt eine große Rolle, es geht teilweise schon so weit, dass es sich um eine Mischung aus Kranken- und Unfallversicherung handelt. Diese Entwicklung ist kaum aufzuhalten, da im Moment – auch getrieben von Ratingunternehmen – fast alle Mitbewerber in dieselbe Richtung marschieren und ihre Bedingungen anpassen”, beobachtet Birgit Weiß, Marktmanagement in den Sparten Sach, Haftpflicht, Unfall und Kraftfahrt bei der Nürnberger.
Allerdings werde diese Entwicklung langfristig die Schadenquote in die Höhe treiben und den Ertrag schmälern. “Dann werden sich die Gesellschaften überlegen müssen, wie sie weiter vorgehen wollen”, so Weiß. Dennoch erwartet sie, dass die Unfallversicherung sich künftig noch mehr mit der Krankenversicherung vermischen wird, der Unfallbegriff werde immer weiter aufgeweicht.

“Kombiprodukt immer komplizierter als Kernprodukt”
Dass die Unfallversicherungen am Markt zunehmend mehr Leistungen umfassen, beobachtet auch Roland Roider, Vorstand der Haftpflichtkasse Darmstadt.
“Der Verbraucher wird in Zukunft in der Lage sein, für den gleichen Beitrag immer mehr Leistung abzusichern”, ist er sich sicher. Doch die Risiken von Kombiprodukten sieht auch er: Es erscheine auf den ersten Blick zwar sinnvoll, dass durch die Kombination mit anderen Versicherungssparten die Marktdurchdringung gesteigert werden könne.
“Auf der anderen Seite ist ein Kombiprodukt immer komplizierter als das Kernprodukt. Mit steigender Komplexität sinkt die Verständlichkeit. Eine aufwendigere Produktberatung wird erforderlich, sodass es schwieriger werden würde, solche Kombiprodukte zu verkaufen. Auch die Vergleichbarkeit im Markt wird tendenziell schwieriger, was den Verkauf hemmen kann”, warnt Roider. (kb)
Vielen Dank an Cash.Online

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